Meniskusriss: Operation oder Physiotherapie – was sagt die aktuelle Forschung?

Ein Meniskusriss im Knie wird häufig mit einer Operation in Verbindung gebracht. Doch gerade bei jüngeren Erwachsenen stellt sich zunehmend die Frage: Muss ein Meniskusriss tatsächlich früh operiert werden – oder kann eine gezielte Physiotherapie genauso gute Ergebnisse erzielen?

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass eine Operation nicht automatisch die bessere Wahl ist. Eine neue Analyse liefert nun weitere Hinweise darauf, welche Faktoren bei der individuellen Therapieentscheidung eine Rolle spielen könnten.

Physiotherapie kann eine sinnvolle erste Behandlungsoption sein

In der sogenannten DREAM-Studie wurden 121 Erwachsene zwischen 18 und 40 Jahren mit einem im MRT bestätigten Meniskusriss untersucht. Ein Teil der TeilnehmerInnen wurde früh operiert, die andere Gruppe erhielt ein strukturiertes Trainingsprogramm kombiniert mit Patientenedukation.

Nach zwölf Monaten zeigte sich insgesamt kein eindeutiger Vorteil einer frühen Operation gegenüber der nicht-operativen Behandlung.

Das passt zu bisherigen Untersuchungen: Bei vielen jüngeren Menschen mit Meniskusriss kann es sinnvoll sein, zunächst mit einer gezielten Trainingstherapie zu beginnen und den weiteren Verlauf abzuwarten.

Wichtig dabei: „Nicht operieren“ bedeutet nicht „nichts tun“. Eine konservative Behandlung beinhaltet unter anderem einen systematischen Belastungsaufbau, Krafttraining sowie die schrittweise Rückkehr zu Alltag, Arbeit und Sport.

Spielt die Art des Meniskusrisses eine Rolle?

Eine naheliegende Vermutung wäre, dass bestimmte Rissformen grundsätzlich eher operiert werden sollten. Genau das untersuchten die Forschenden.

Dabei wurden unter anderem einfache und komplexere Meniskusrisse miteinander verglichen. Überraschenderweise zeigte sich kein überzeugender Hinweis darauf, dass Menschen mit komplexeren Rissen stärker von einer frühen Operation profitierten.

Auch die Frage, ob der Innen- oder Außenmeniskus betroffen war, erlaubte keine zuverlässige Vorhersage, welche Behandlung erfolgreicher sein würde.

Für PatientInnen ist das eine wichtige Information: Das Aussehen eines Meniskusrisses im MRT allein entscheidet nicht darüber, welche Therapie die richtige ist.

Ein interessanter Hinweis: Flüssigkeit und Entzündungszeichen im Knie

Ein anderes MRT-Merkmal lieferte dagegen einen interessanten Hinweis.

PatientInnen, bei denen ein Kniegelenkerguss oder Zeichen einer Synovitis – also einer Reizung bzw. Entzündung der Gelenkinnenhaut – vorhanden waren, erzielten in dieser Analyse nach einer frühen Operation tendenziell bessere Ergebnisse als mit der Trainingstherapie.

Der Unterschied lag bei rund 11 Punkten auf der verwendeten Kniefunktionsskala und war damit klinisch relevant. Statistisch war das Ergebnis allerdings nicht eindeutig abgesichert.

Deshalb bedeutet ein Knieerguss keineswegs automatisch, dass operiert werden sollte. Das Ergebnis ist vielmehr ein Hinweis, der in weiteren Studien überprüft werden muss.

Was bedeutet das für PatientInnen mit Meniskusriss?

Die Studie unterstützt einen wichtigen Grundsatz moderner Behandlung: Nicht das MRT allein behandeln, sondern den Menschen und seine Beschwerden.

Für die Therapieentscheidung sollten verschiedene Faktoren gemeinsam betrachtet werden:

  • Welche Beschwerden bestehen und wie stark schränken sie ein?
  • Wie verhält sich das Knie unter Belastung?
  • Gibt es Schwellung oder einen wiederkehrenden Gelenkerguss?
  • Welche körperlichen Anforderungen bestehen in Beruf und Sport?
  • Wie entwickelt sich das Knie unter einer gezielten Trainingstherapie?
  • Welche persönlichen Ziele und Präferenzen hat die Patientin oder der Patient?

Gerade die Form und Lokalisation eines Meniskusrisses scheinen nach den vorliegenden Ergebnissen allein keine ausreichenden Gründe für eine frühe Operation zu sein.

Was bedeutet das für die Physiotherapie?

Für viele junge Erwachsene mit Meniskusriss bleibt eine strukturierte Trainingstherapie eine sinnvolle erste Behandlungsstrategie.

Ziel der Physiotherapie ist dabei nicht, einen MRT-Befund „wegzutrainieren“. Entscheidend ist vielmehr, die Belastbarkeit und Funktion des Knies zu verbessern. Je nach Ausgangssituation können beispielsweise Kraft, Beweglichkeit, Koordination und Belastungstoleranz schrittweise aufgebaut werden.

Gleichzeitig sollte der Verlauf regelmäßig beurteilt werden. Bleiben deutliche Beschwerden bestehen oder treten besondere klinische Faktoren auf, kann gemeinsam mit ÄrztInnen neu bewertet werden, ob weitere diagnostische oder operative Maßnahmen sinnvoll sind.

Fazit

Ein Meniskusriss im MRT bedeutet nicht automatisch Operation. Bei vielen jüngeren PatientInnen ist eine gezielte Trainingstherapie eine gut begründete erste Behandlungsoption.

Die aktuelle Forschung zeigt außerdem, dass weder ein komplexer Meniskusriss noch die Lage am Innen- oder Außenmeniskus allein zuverlässig vorhersagen, ob eine frühe Operation bessere Ergebnisse bringt.

Hinweise auf einen Gelenkerguss oder eine Synovitis könnten möglicherweise für die Therapieentscheidung relevant sein. Dafür ist die bisherige Datenlage jedoch noch nicht ausreichend, um daraus eine allgemeine Empfehlung für eine Operation abzuleiten.

Die Therapieentscheidung sollte deshalb individuell getroffen werden – auf Grundlage der Beschwerden, der körperlichen Funktion, des Verlaufs und der persönlichen Ziele und nicht allein anhand des MRT-Bildes.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle medizinische oder physiotherapeutische Untersuchung und Beratung.